Gegen den Strom!
In der letzten Zeit gibt es sehr unterschiedliche Strömungen im Umgang mit unseren Hunden. Einig sind sich nahezu alle, dass wir froh sind, aversive Mittel in der Hundeerziehung und im Training hinter uns gelassen zu haben. Ein gewaltfreier Umgang mit den Hunden sollte Konsens sein.
Nun liest man aber auch Schlagzeilen in Social Media wie „Freundschaft statt Erziehung.“
Man hat den Eindruck, der Hund hat einen neuen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen. Das Tierwohl wird weit oben aufgehängt. Manchmal frage ich mich aber, wie sieht es mit dem Menschenwohl aus?
Von zehn Neukunden haben sich sechs bereits einmal wegen oder durch ihren Hund verletzt. Die HundehalterInnen sind gestürzt und haben sich etwas gebrochen. Finger wurden durch Leinen verletzt, als Hunde plötzlich losgesprungen sind und manch einer hat auch schon die Erfahrung gemacht, dass der Hund 42 Argumente in seinem Maul hat.
Warum ist es denn derart aus der Mode gekommen, von seinem Hund Respekt zu verlangen?
Ich arbeite gerne mit Bildern. Darum hier ein paar Beispiele:
Der Leinenruck! Wir haben es gelernt! WIR rucken nicht an der Leine! Blöd nur, dass wir vergessen haben, IHM das zu sagen. Viel öfter als WIR, ruckt und reißt ER an der Leine. Fragt er mich, ob mir dabei mein Arm, meine Schulter oder meine Bandscheibe schmerzt, wenn ER unvermittelt in die Leine rennt? Darf mir meine Gesundheit nichts wert sein?
Fragt uns ein Kunde, warum sein Hund ihn oder andere Leute anspringt, drehe ich mich mit einem Grinsen zu meinem Schatz, weil ich weiß, was nun gleich kommt. Sie antwortet dann: „Weil er es kann!“ Hier das Bild dazu:
Du kommst nach Hause und 30 Kilogramm Golden Retriever kommen ums Eck, nehmen Anlauf und springen dich an. Die Größe passt ideal. Die Vorderpfoten landen dabei mit Volldampf in deiner Magengrube. „Ja mei, der freut sich halt, dass ich wieder daheim bin.“
Du betrittst das Wohnzimmer, dein elfjähriger Sohn stürmt auf dich zu, die Größe passt ideal, er rammt dir seine Fäuste genau in die Magengrube. „Ja mei, der freut sich halt, dass ich wieder daheim bin???“
Du stehst an der Küchenzeile, bereitest das Essen zu und es fällt dir ein Stück Käse auf den Boden. Schneller als du Staubsauger denken kannst, hat dein Hund sich die Beute geschnappt. Nett, oder? Dein 50 kg Rottweiler steht an der Futterschüssel. Vor lauter Gier und Hektik kickt er drei Bröckchen seines Trockenfutters aus der Schüssel. Dein erster Impuls – das will er nicht mehr und du greifst neben die Futterschüssel und schnappst dir die drei Bröckchen. Klar toleriert DEIN Rotti das, aber manch ein Felltier wäre dabei not amused. Dein Hund klaut dir an der Küchenzeile MENSCHENESSEN. Geht’s noch?
Du gehst mit deinem Hund gemütlich (?) auf die Gassi-Runde. Bei der erstbesten Hundebegegnung rastet er aus. Bellt, reißt an dir und der Leine und flescht die Zähne. Irgendwann hast du aufgegeben. Seitdem gehst du nur noch ganz früh am Morgen und spät am Abend und nur noch in abgelegenen Gebieten. Eigentlich würdest du am liebsten gar nicht mehr mit ihm gehen. Du hast Stress, die Leute reden schon über dich und das Monster. So hast du dir das nicht vorgestellt, als du Bello zu dir geholt hast. Tschüss Lebensqualität!
Nochmal meine Frage: Wann haben wir aufgehört, von unserem Hund Respekt zu erwarten? Keines der oben genannten Beispiele würde sich ein souveräner Hund von einem Flegel-Hund gefallen lassen. Warum also wir?
Dabei ist es gar nicht so schwer. Es beginnt bereits zuhause. Schau doch mal, wie oft dein Hund dir den Weg abschneidet oder dich anrempelt.
Hast du dein Kind schon einmal auf sein Zimmer geschickt – nur weil du deine Ruhe wolltest? Wann hast du deinen Hund zuletzt aus dem Raum geschickt – nur weil du deine Ruhe wolltest? Ist er im anderen Raum geblieben? Auch als alle Türen offen waren?
Ja? Dann seid ihr auf einem guten Weg.
Nein? Klasse, dann hast du jetzt einen Punkt, wo du ansetzen kannst. Bleib dran!
„Wer bewegt wen?“ Stell dir diese Frage immer wieder und achte darauf, ob dein Hund dich zu einer Bewegung veranlasst oder du ihn. Fang an, wie ein souveräner Hund zu denken. Lerne die Sprache deines Hundes zu verstehen. Führe deinen Hund! Dein Hund ist wie ein kleines Kind. Er braucht deine Hilfe und klare Ansagen und Grenzen.
ABER: Im Gegensatz zu deinem Kind muss dein Hund kein mündiger Bürger werden. Du musst deinem Hund nicht erklären, warum du die Grenze setzt, und du musst dich auch nicht dafür entschuldigen.