Der Hund, der Mensch und der Raum

Der Hund, der Mensch und der Raum

 

Seit längerem gehe ich gedanklich schwanger mit Überlegungen und Beobachtungen dazu, wie Mensch und Hund mit ihrem gemeinsamen Raum umgehen. Hunde sind in erster Linie „Körpersprachler“. Das heißt, sie reagieren bevorzugt auf non-verbale Signale, da dies ihrer Natur näher ist. Wir hingegen nehmen z.B. im Umgang mit dem gemeinsamen Raum die Sprache der Hunde oft nur sehr eingeschränkt wahr.

Im Umgang mit dem Hund haben wir verschiedene Ressourcen. Gebe ich jedoch in den einschlägigen Suchmaschinen „Ressourcen Hund“ ein, so finde ich nur unzählige Beiträge zur Ressourcen-Verteidigung, nichts zum vernünftigen Umgang mit den Ressourcen beim Hund.

Wahrscheinlich am naheliegensten ist die Ressource „Futter“. Wir geben dem Hund in Sachen Nahrung, was er zum Leben braucht. Mit der Gabe von Leckerlis oft auch noch etwas mehr. Wollen wir diese Ressource geschickt nutzen, füttern wir zumindest teilweise aus der Hand, geben Futterbestätigung. Clevere Züchter nützen das Füttern und verknüpfen die Futtergabe an die Welpen gleich mit einem Signal, z.B. der Hundepfeife.

Der soziale Umgang mit dem Hund ist eine weitere ganz wesentliche Ressource. Kontakten wir unsere Fellnasen positiv durch streicheln und schmusen, strömt das Hormon Oxytocin sowohl im Hunde- wie auch im menschlichen Körper. Oxytocin wirkt stark stressmindernd in der jeweiligen Situation und darüber hinaus auch zukünftig.

Gegenstände, wie beispielsweise das Lieblingsspielzeug, sind eine nicht zu verachtende Ressource, wenn ich mit dem Hund positiv motivierend arbeiten möchte.

Zu guter Letzt ist da aber noch die Ressource „Raum“, die leider viel zu wenig Beachtung findet.

Dass wir dieser Ressource bedauerlicherweise viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken ist jedoch fatal, da wir auch über den Umgang mit dem Raum unsere gegenseitige Position Mensch/Hund festlegen. Unsere vierbeinigen Freunde sind sehr feinfühlig, was die Distanzen angeht. Daher möchte ich das Thema „Raum“ einmal an verschiedenen Beispielen beleuchten.

Grundsätzlich gilt, dass ich meinem Hund seinen zur Verfügung stehenden Raum zuteile. So entscheide ich beispielsweise, ob er im Haus oder im Garten ist. Denke ich weiter, entscheide ich aber auch, ob er vor, neben oder hinter mit laufen soll.

Häufig hört man: „Mein Hund hängt so an mir, der verfolgt mich zuhause überall hin.“
Ich möchte die Zuneigung des Hundes zu seinem Menschen gewiss nicht in Abrede stellen, aber hier liegt der Verdacht nahe, dass es hierbei nicht um Zuneigung, sondern vielmehr um Kontrolle geht. Freund Fellnase kontrolliert seinen Menschen und überprüft damit auch den Raum, den dieser sich nimmt.
Häufig sind es diese Kontrollettis, die zuhause keine Ruhe finden, die ständig aufgedreht durch die Gegend wuseln.

Hier wäre umgekehrt eine Einschränkung des Raumes durch eine Hausleine angebracht. Eine etwa eineinhalb Meter lange Leine, die am Ruheplatz des Hundes befestigt ist und an der der Hund immer dann vorübergehend fest gemacht wird, wenn er keine Ruhe findet oder uns auf Schritt und Tritt verfolgt.

Jeder Mensch, jeder Hund hat seine Individualdistanz – mein Tanzbereich, dein Tanzbereich. Was uns beim Menschen in der Regel äußerst unangenehm ist, nehmen wir beim Hund mehr oder weniger hin.
Dringt eine uns nicht nahestehende Person in unsere Individualdistanz ein, so empfinden wir das als unangenehm und unhöflich. Springt uns ein Hund an, verletzt dieser aber ebenfalls unsere Individualdistanz.
Wie bitte? Ich soll zurückgehen und mich wegdrehen, wenn mich dieser Rüpel anspringt. Abwenden ist ein Beschwichtigungssignal. Das würde dem Hund signalisieren „Ich möchte keinen Ärger!“. Die Fellnase lernt dadurch, dass Frauchen/Herrchen durch Anspringen beeindruckt werden können. Der Hund der mich anspringt, nimmt sich Raum, der ihm nicht zusteht. Gehe ich zurück, hat der Hund einen Raumgewinn und Erfolgreiches wird wiederholt. Logische Schlussfolgerung – springt mich ein Hund an, signalisiere ich ihm durch ein deutliches Nach-vorn-Gehen, dass dies mein Bereich ist.

 

Es klingelt an der Türe und der Hund rast zum Eingang? Er springt am Besuch hoch und begrüßt alle Ankommenden, als wären diese nur wegen ihm angereist? Wir können nicht von allen Menschen erwarten, dass diese wissen, wie man sich in dieser Situation richtig verhält.
Wie wäre es also auch hier mit der Hausleine? Ist bekannt, wann der Besuch erwartet wird, mache ich den Hund schon etwas früher an der Hausleine fest. Klingelt es überraschend, dann muss der Besuch eben einen Moment vor der Türe warten.

Ach so! Die ungestüme Fellnase begrüßt nicht nur den Besuch so stürmisch? Wenn wir nach Hause kommen, fliegt uns ein Fellknäuel entgegen und springt an uns hoch?
Dem könnten wir wieder mit einer klaren Regulierung des Raumes begegnen. Hovawart Candy, ihres Zeichens Hüpfi hoch drei, kam mir anfangs in beschriebener Weise entgegen geflogen. Großzügig verteilte sie ihr blondes Fell auf jedem Kleidungsstück, noch bevor ich die Jacke ausgezogen hatte.
Heute ist die Windfangtüre geschlossen, wenn wir außer Haus sind. Ich ziehe Jacke und Schuhe aus und öffne dann die Flur-Türe, Candy stellt sich seitlich ans Bein und wir Schmusen. Eingeführt habe ich dies, indem ich mich seitlich vor die zu öffnende Türe gestellt habe und den herausstürmenden Wildfang in der von CreaCanis gelehrten Seitstellung eingefangen habe. Diese Übung war ihr aus „Roots“ bekannt und so ließ sich der raumgreifende Übermut schnell in die richtigen Bahnen lenken.
Übrigens: Heute funktioniert das auch mit zwei Hovawarten. Ich habe ja zwei Knie, an die sich die Herrschaften anlehnen können.

Was passiert bei dieser Seitstellung? Wir grenzen den Raum des Hundes ein. Dabei sind wir nicht laut oder gar grob. Im Gegenteil, wir strahlen Ruhe und Bestimmtheit aus. Wir bleiben konsequent in unserem Verlangen, dass der Hund ruhig an unserer Seite steht. Zusätzlich geben wir dem Hund aber unsere wohlwollende Aufmerksamkeit und Zuneigung. Wir schöpfen also zusätzlich aus einer anderen Ressource. Akzeptiert der Hund diese Eingrenzung seines Raumes, akzeptiert er auch unsere Autorität ein Stückchen mehr. Dies nütze ich, um den Hund aus der Aufregung herunter zu fahren. Sei dies nach dem wilden Spiel oder in der Aufregung einer Hundebegegnung.

In ganz natürlicher Form hat bereits der Welpe eine Einschränkung seines Raumes kennengelernt. Gestreckt auf der Seite liegend, wurde der Welpe von der Mutter geputzt, seine Verdauung wurde durch das Schlecken der Mutterzunge über die Seite bzw. den Bauch angeregt. Dabei hat die Mutterhündin von zehn Welpen nicht auf einen Termin gewartet, den ihr der Welpe gnädiger Weise gewährt hat. Hinlegen! Jetzt, hier, sofort, war dabei das Motto.

Erstaunlicherweise lehnen sich häufig aber bereits Welpen dagegen auf, vom neuen Herrchen oder Frauchen in dieser Form in ihrem Raum eingeschränkt zu werden. In der Regel genügt es aber, dieses Seitliegen einmal durchzusetzen. Schon kurze Zeit später wird das Seitliegen und ausgestrichen werden zur gerne angenommenen Schmuseeinheit. Egal ob Tierarzt, Hunde-Physiotherapeut oder Osteopath, alle werden es uns danken, wenn der Hund gelernt hat, ruhig und entspannt auf der Seite zu liegen. Wieder einmal haben wir durch Nutzung der Ressource Raum unsere Stellung in der Mensch-Hund-Beziehung gefestigt ohne dafür laut oder grob werden zu müssen.

 

Betrachte ich das permanente Ziehen des Hundes an Leine auch aus der Sicht der Ressource Raum, so nimmt sich der Hund auch hier Raum, der ihm nicht zusteht. Ausgenommen sind hier natürlich Situationen, in denen ich dem Hund explizit die Aufgabe gebe, nach vorn zu gehen und zu ziehen, wie dies im Zughundesport oder beim Mantrailing der Fall ist.
Es ist unsere Aufgabe, dem Hund seinen Raum um uns herum zuzuteilen. Sei dies das Gehen an lockerer Leine neben uns, das Laufen hinter uns, wenn es bergab oder die Treppe hinunter geht oder eben nach Aufforderung auch vor uns an lockerer Leine gehend. Dabei darf ich den Hund durchaus auch körpersprachlich begrenzen oder ebenso auch körpersprachlich zu mir einladen.
Jedes gut gemachte Führtraining bringt mit sich, dass der Hund in seinem Drängen nach Raum eingeschränkt wird. Ruhig, konsequent und wohlwollend.

Oft handeln wir im Ansatz schon richtig, übersehen aber die subtilen Kleinigkeiten, die sich unsere Fellnasen herausnehmen.
Klappt die Seitstellung schon gut? Der Hund steht ruhig neben uns? Was ist dann mit der kleinen Pfote, die sich klammheimlich vor unseren begrenzenden Fuß gestellt hat?
Das Parken des Hundes des Hundes ist eine leichte Übung geworden? Ist es denn nun nett, dass er sich dabei auf unsere Füße und damit vor uns legt, uns nun seinerseits begrenzt?

Durch die Betrachtung der Ressource Raum kann ich also unerwünschte Verhaltensweisen des Hundes, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang haben auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Dieser Zusammenhang liegt im Einnehmen von Raum, der dem Hund nicht zusteht.
Nun erlaube ich mir die Schlussfolgerung, wenn unsere Fellnasen sich so oft und so leicht beim Thema Raum im guten Ton vergreifen, dass eben diese Ressource Raum mehr Bedeutung hat, als wir ihr üblicherweise zuerkennen. An einigen wenigen Beispielen habe ich versucht aufzuzeigen, dass das bewusste Regulieren des Raumes unsere Stellung in der Mensch-Hund-Beziehung festigt und Autorität auf natürliche, dem Hund verständliche Weise aufgebaut bzw. gefestigt wird. Achten wir nicht auf die Verteilung des Raumes, indem wir den Hund laufen lassen, wie es ihm passt oder indem wir den Hund nicht konsequent in der Seitstellung halten, wenn er noch zappelt, gewinnt der Hund Raum und wir hingegen wundern uns über Hunde die über die Stränge schlagen.
Teilen wir unserem Hund angepasst an die jeweilige Situation seinen Raum passend zu, zeigt dies unserem Hund, aber auch unserer menschlichen Umwelt, dass wir über Handlungskompetenz verfügen. Hole ich z.B. bei der Hundebegegnung meinen Vierbeiner zu mir oder evtl. sogar hinter mich, zeige ich Führungskompetenz und entlaste damit meinen Hund und vielleicht auch den entgegenkommenden Hund und Halter.
Viele Alltagsprobleme die uns Hundehaltern begegnen, sind zu lösen, wenn wir die Ressource Raum ernst nehmen und bewusst mit ihr umgehen. Wir müssen die belastenden Situationen nur einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten – eben aus der Sicht „der Mensch, der Hund und der Raum.“

 

 

 

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