Sei nett zu deinem Hund

Sei nett zu deinem Hund!

 Wollen wir das nicht alle? Wollen wir nicht alle nett sein zu unseren Fellnasen?

Gestern stand ich an einer Kreuzung mit mehrspurigen Straßen bei Rot an einer Ampel. Eine junge Frau wollte die Fußgängerampel überqueren, als sich ihr Hund auf der Mitte der Fahrbahn festschnüffelte. Etwas ratlos, ob der begrenzten Grünphase drehte sie sich um, sprach ihn an (ohne Resonanz) und streichelte ihm dann die Flanke. Irgendwann beschloss Fiffi (Name angenommen, da dem Verfasser nicht bekannt) doch zum Weitergehen. So konnten die Beiden gerade noch zumindest die rettende Mitte der Ampelüberquerung erreichen. Echt nett – oder?

Kürzlich sah ich einen etwa 8 Monate alten Labby-Rüden, der sein zierliches Frauchen zielgerichtet durch die Gegend führte. Sie unterhielt sich dabei freundlich mit ihm: „ Blacky, du sollst doch nicht immer so an mir ziehen. Du weißt doch, dass ich das nicht mag.“

So viel Nettigkeit veranlasste mich dann dazu, einmal ein Online-Wörterbuch zu bemühen und dort einmal nachzulesen, was „nett“ eigentlich bedeutet.

„Nett“, so ließ mich das Wörterbuch wissen, bedeutet „freundlich“, „liebenswert“, „im Wesen angenehm“.

Hmm, das lässt in mir die Frage aufkommen, wann bin ich denn für meinen Hund im Wesen angenehm?

Nun weiß man ja inzwischen, dass wir mit unseren Hunden kein Rudel bilden, eher einen familien-ähnlichen Verband. Egal ob Rudel oder Familie, nicht jedes Mitglied ist zum Rudelführer oder Familienoberhaupt geboren oder hat die hierzu die nötige Reife erlangt.

Gedanklich diesen Weg gegangen, wollte ich noch weitere Wortbedeutungen nachlesen.

„Autoritär“ bedeutet auf „auf Autorität beruhend“. Na danke und was ist dann „Autorität“? „Autorität“ sagt mir das Wörterbuch, ist „eine Person, die sich, auf Können beruhend, Ansehen erworben hat“.

Das ist ja dann an sich gar nicht so schlecht. Oft hat man ja mit „Autorität“ und „autoritär“ eher negative Verknüpfungen. Nach dieser Erklärung könnte ich mir schon vorstellen, eine Autorität zu sein.

Schmeiße ich nun beide Gedanken zusammen und rühre meine Buchstabensuppe etwas um, so dass der Gedanke daran, dass nicht jeder Hund automatisch der Rudelführer sein kann/will und unsere neue Erkenntnis zur Autorität zusammen kommen, so führt mich der Wortteil „Führer“ im Wort Rudelführer erneut zum Wörterbuch.

„Führung“ so sagt es, sei ein „Prozess der Beeinflussung“. „Führung“ sei zielgerichtet. „Führung“ sei nicht an eine formelle Position gebunden.

Einmal tief durchatmen und versuchen, das nun Alles gemeinsam auf die Reihe zu bringen.

Bin ich nett zu meinem Hund, wenn ich ihm, der mit größter Wahrscheinlichkeit gar kein „Führer“ sein möchte eben diese Führung überlasse? Wir erinnern uns, „nett = im Wesen angenehm“.

Sind wir jemandem in unserem Wesen angenehm, wenn wir ihm (unbewusst) eine Rolle zuweisen, die er nicht ausfüllen kann/will. „Führung ist nicht an eine formelle Position gebunden“ – das bedeutet, dass mein Hund als folgsames und soziales Wesen die Führung übernimmt, wenn sie sonst niemand ausübt. Auch wenn er das eigentlich gar nicht möchte.

Wie fühlen wir uns denn in unserem Alltag oder Beruf, wenn uns eine Aufgabe zukommt, die wir nicht erfüllen wollen oder die uns gar überfordert? Allein der Gedanke daran erzeugt bei mir Stress.

Bin ich nett zu jemandem, dem ich Stress verursache?

Früher war alles noch einfacher. Da konnte man einfach sagen, „dein Hund dominiert dich!“ heute weiß man, dass dies Quatsch ist. Aber vielleicht lässt sich manches Verhalten unserer Vierbeiner durch Überforderung und Stress erklären, durch einen unbemerkten Rollenwechsel in der Führung.

Mein Fazit aus diesen Überlegungen ist, dass ich wieder bei der Überschrift angekommen bin. Ich möchte nett sein zu meinen Hunden. Ich werde versuchen nett zu ihnen zu sein, indem ich sie nicht in eine Rolle zwänge, die sie nicht möchten. Ich werde versuchen, eine Autorität im positivsten Sinne zu sein und die Führung zu übernehmen, also zielgerichtet auf meinem Wissen beruhend, einen steten Prozess der Beeinflussung auf meinen Hund auszuüben.

Ich hoffe, dass ich dies durch klare (Körper-)Sprache und liebevolle Konsequenz schaffe und sich mein Hund dann denkt: „Der ist nett, der hat ein angenehmes Wesen!“

 

 

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